ALLES IST GUT

„Ihre Blutwerte sind wunderschön, die können Sie sich einrahmen und aufhängen“, hat der Arzt gesagt.

„Wenn ich mich weiterhin so fühle, dann könnte ich mich doch gleich dazu hängen“, habe ich mir in dem Moment gedacht.

Natürlich ist das keine über dramatische Ankündigung für einen Suizid, es muss sich auch keiner verantwortlich fühlen, die Polizei zu informieren. Ich mag mein Leben sehr gerne und ich weiß, dass auch die miesen Zeiten wieder vergehen. Wenn ich mich in einer meiner „miesen Zeiten“ befinde, habe ich allerdings die Ausstrahlung von Wednesday Adams. Mein Geduldsfaden ist so dünn, dass Tyra Banks ihn mit Schokolade füttern möchte und in meiner Fantasie trage ich ein Baseballschläger mit mir rum, der schon den ein oder anderen Blutfleck trägt. Natürlich sind das die Tage, an denen man zusätzlich mit dem kleinen Zeh am Türstock schrammt.

Seit Wochen fühle ich mich immer wieder so, als wäre ich kurz vor einem Kollaps. Ich spüre mein Herz pochen und bekommen grundlose Schweißausbrüche. Zusätzlich bin ich schwindelig und zittrig. Erst dachte ich, dass es wohl wieder ein Harnwegsinfekt ist. Mit dem führe ich nämlich die längste und stabilste Beziehung, die man sich vorstellen kann. Anscheinend wurde ich auch ihm jetzt zu langweilig, er kam mich ausnahmsweise nicht besuchen.

Bei einem Bluttest hat sich dann aber herausgestellt, dass meine Kaliumwerte mal wieder zum Lachen in den Keller gegangen sind. Mein eigentlicher Hausarzt war nicht verfügbar, die Vertretung konnte das Problem nicht erkennen. Die Werte liegen doch im Normalbereich, ALLES IST GUT! Gerade noch im Normalbereich würde es wohl eher treffen. Das bedeutet für mich nicht, dass alles gut ist, sondern dass ich nervös werde.

Jetzt sitze ich hier mit vielen Säckchen Kalium. Ich fühle mich wie ein Drogenbaron bei der Menge an weißem Pulver. Ich versuche, so gut es geht zu supplementieren. Was das Herz freut, mach den Magen wütend. Zu viele von diesen Säckchen bewirken nämlich, dass sie sich den direkten Weg aus einem anderen Ausgang suchen. Das ist wieder kontraproduktiv, weil dabei ja auch Kalium verloren geht. Ich bin mir unsicher, ob ich ins Krankenhaus gehen, einen weiteren Bluttest machen, weiter mein Pulver schlucke oder mir ein anderes Präparat suchen soll… Ich bin einfach mit der Situation überfordert.

Hinzu kommt, dass ich eigentlich nicht ständig jammern möchte. Meine Freunde denken sich bestimmt schon „ach, da hat sie wieder eines ihrer Wehwehchen, das sie vorschiebt, um ihren Willen durchzusetzen“. Ich schwöre euch, ich würde viel lieber wütend darüber sein, auf einer Party zu sitzen, die mich total nervt und mich über die bescheuerten Gäste zu ärgern, die ihr in einem offensichtlichen Wahnzustand in eueren Freundeskreis aufgenommen habt, als mich so hilflos zu fühlen. Weil ich ja trotzdem nicht immer zu allem „Nein danke, mir geht es nicht gut“ sagen möchte, sitze ich dann zittrig und schwitzend an Orten, an denen ich mich nicht wohlfühle, weil ich lieber Zuhause auf meinem Sofa wäre.

Außerdem habe ich die irre Idee, wenn ich arbeiten gehen kann, dann will ich auch meine Freizeit nutzen. Die gesamte Zeit, die ich außerhalb meines Büros verbringe, möchte ich nicht damit verbringen, möglichst viel zu schlafen, um fürs Büro wieder einigermaßen fit zu sein. Wenn ich mich schon fühle wie Ozzy Osbournes Spiegelbild, dann will ich auch auf das Leben eines Rockstars zurückschauen können, nicht auf das einer Klosterschwester. Somit macht es mich extrem wütend, wenn mein Tag aus arbeiten, essen und schlafen besteht, nur dass ich am nächsten Tag wieder Kraftreserven habe, um das Ganze zu wiederholen.

Selber zu spüren, dass etwas ganz und gar nicht ok ist, aber immer gesagt zu bekommen, dass alles gut sei, ist extrem frustrierend. Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: 1. Nicht alles ist gut, sondern die Ärzte haben den tatsächlichen Grund noch nicht gefunden. 2. Es spielt sich tatsächlich nur in meinem Kopf ab, und auch das würde ich nicht mit „alles ist gut!“ Betiteln. In meinem Kopf passiert dann Folgendes: Gehen wir von der ersten Möglichkeit aus. Vielleicht haben die Ärzte das Falsche gesucht oder haben etwas übersehen. Eventuell ist der Grund auch, dass es eine superneue und unerforschte Ursache hat, von der noch keiner weiß und ich bin der erste Mensch, der es hat. Vielleicht werde ich von meinem Gegenüber auch nicht ernst genommen und für ihn ist mit einem Bluttest alles wieder geregelt. Ihr seht, wo meine Gedanken hinwandern… Es spricht somit tatsächlich einiges für die zweite Möglichkeit, dass es sich um psychosomatische Symptome handelt. Auch diese sind nicht cool und sollten behandelt werden. Wie man es dreht und wendet, es ist nicht alles gut, das steht schon mal fest.

Seit ich diesen Text geschrieben habe, sind einige Wochen vergangen. Ich habe mehr Pulver konsumiert als Amy Winehouse in ihrer besten Zeit und fühle mich definitiv wieder besser. Ich komme gerade von meinem Bluttest und erwarte Ergebnisse, die das Ganze unterstreichen. Zusätzlich kann ich sagen, es war nicht alles gut und ich war nicht verrückter als sonst.

2 Antworten auf „ALLES IST GUT“

  1. Bei mir ist es grundsätzlich mein CK-Wert, der immer der Ausreißer nach ganz weit oben ist, Astronat spielt will, wie du es sagen würdest 😂 Die Ärzte tun das ab mit „Vielleicht haben sie sich wo gestoßen?“ Nein hab mich nicht jedesmal!!! Jedoch konkrete Antworten bekomme ich nicht und Dr. Google befragen wil ich nicht! Wer weiß was ich da erfahre? Das am Ende des Lebens der Tod auf uns alle lauert? 😱😱😱

    1. Oh wow,…. „vielleicht haben Sie sich wo gestoßen?“ – total hilfreich! puuuh, durchhalten, es wird bestimmt eine Ärztin oder ein Arzt auftauchen die/der dir da besser weiterhelfen kann…. oder du hörst einfach auch mal auf dich ständig wo zu stoßen… dann ist ja eh ALLES GUT 😉

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