Die Sache mit der Impfung

Als anständige Bloggerin sollte ich den heutigen Post mit „Es tut mir leid, dass ich euch so lange nicht upgedatet habe, ich habe Zeit für mich gebraucht, um digital Detox zu machen“ beginnen. Nun ja, ich bin weder anständig noch habe ich gedetoxt, noch würde ich mich als Bloggerin bezeichnen. Mein Laptop ist so mies, dass ich die grauen Haare förmlich kommen spüre, wenn ich versuche, etwas hochzuladen, aber mit dem Handy kann ich trotzdem noch sämtliche Gruselgruppen durchforsten, so viel dazu 🙂

Zum einen bin ich trotz Homeoffice gut beschäftigt mit Arbeiten (also das, wofür ich bezahlt werde…), meiner Ausbildung und einer neuen Nebenbeschäftigung. Zum anderen ist mein Herz dank der erzwungenen Entschleunigung so ruhig, dass ich manchmal meinen Puls fühle, um zu überprüfen, ob ich denn überhaupt noch unter den Lebenden weile.

Dass Stress und das Long-QT-Syndrom ein ähnlich gutes Paar abgeben wie Johnny Depp und Amber Heard, wissen wir ja bereits. Allerdings habe ich tatsächlich vergessen, wie schön es sich anfühlt, den ICD und den ganzen Schnickschnack drum rum (Ionenkanal, Kalium, nicht aufregen Bla Bla) einfach zu vergessen. Kein großartiges Herzrasen, keine Schwindelanfälle beim Pipi machen (huch, da könnte ich euch doch noch etwas erzählen) und keine Dämonenaustreibungen aka Wiederbelebungen. Das Leben ist schön. Langweilig, aber schön.

Somit kann ich euch aktuell keine spannenden Erzählungen aus meinem Leben mit LQTS bieten. Finde ich im Großen und Ganzen auch sehr nett. Trotzdem möchte ich euch jetzt an einem „medizinischen“ Schmankerl der letzten Tage teilhaben lassen.

Für alle, die Corona für eine große Verschwörung seitens Bill Gates und der Echsenmenschen halten hier gleich vorweg eine Info: NEIN. Bitte hört auf zu lesen. Für alle anderen: Ja, ich lasse mir freiwillig einen Chip implantieren, um fremdgesteuert zu werden (Stimmt so, oder?). Meine Hoffnung ist ja, dass der gute Bill dann das Problem mit den Ionenkanälen einfach umprogrammieren kann und ich mit Knopfdruck geheilt werde. Eventuell wächst mir aber auch nur spontan ein drittes Auge, um noch eindringlicher zu zeigen, wie genervt ich inzwischen bin.

Spaß bei Seite. Ich weiß, dass diese Pandemie viele Menschen an den Rand ihrer Kräfte treibt und einige psychisch belastet. Manche sind in ihren Berufen absolut überlastet (und das obwohl wir für sie geklatscht haben, absolut unverständlich). Wer sich impfen lassen möchte, hat bei uns die Möglichkeit, sich online anzumelden. Ab und an ändern sich kleine Dinge im Formular und weitere Berufsgruppen rutschen in die Priorisierung. Bei Bekannten und Verwandten habe ich mitbekommen, dass es recht easy und zuverlässig funktioniert hat, nicht so bei mir.

Mein Leben ohne Klubs und Menschenansammlungen verläuft sehr gut, ich bin unter den wenigen Glücklichen, denen das isoliert sein, nicht viel ausmacht (eher im Gegenteil). Natürlich würde ich gerne wieder einen Cocktail trinken und mit meinen Freunden zwecks Regen ein Wohnzimmertreffen veranstalten. Aber es ist ok für mich, ich sehe in der Situation viele Vorzüge und finde den Gedankengang, andere nicht zu gefährden, irgendwie ansprechend. Nichtsdestotrotz arbeite ich mit Menschen.

Diese Vieren übertragende Spezies sitzt mir in Gesprächen gegenüber. Ja, ich habe eine Plexiglasscheibe, die mich von ihnen trennt und ich kann ein Fenster öffnen (außerdem bin ich derzeit Großteils noch im HO, danke dafür!). Straßenseitig gelegen ist es auch äußerst praktisch, hochpersönliche Themen anzusprechen, wenn die Straßenbahn vorbeibrettert und die Nachbarn unterm Fenster gerade eine rauchen. Entweder ich verstehe nichts von dem Gesagtem oder fremde Personen hören es auch gleich mit. (Ich: Herr M. wie geht es ihnen denn mit ihrem Alkoholkonsum? M: Alles unter Kontrolle! Frau K. die grade ihre Zigarette wuzelt: Neeeeein das stimmt gar nicht, der M. hat erst gestern wieder besoffen eine Weinflasche vom Balkon geworfen! -> Nein, das Gespräch hat so nicht stattgefunden, aber ihr wisst jetzt, was ich meine #datenschutz.)

Die Anmeldung

Demnach: Ich möchte eine Impfung. Am ersten Tag, an dem es die Möglichkeit gab, sich einzutragen, habe ich das auch getan. Um doppelt abgedeckt zu sein, habe ich angegeben, dass ich mich bei meinem Hausarzt sowie auch in der offiziellen Impfstraße impfen lassen würde. Die Info, dass ich angemeldet bin, habe ich gleich per SMS erhalten, alles cool. Jetzt heißt es nur noch abwarten, es gibt ja schließlich einige Personengruppen die den Impfstoff noch dringender benötigen als ich.

Die Zeit verging und einige Berufsgruppen konnten sich schon impfen lassen. Ich war in den Startlöchern, bald werden wir wohl auch dran sein. Eines Tages gab es dann die heiß ersehnte Auswahlmöglichkeit für meinen Berufsstand. Ich habe mich erneut für die Impfung angemeldet und wieder beide Impfstandorte angegeben. Doppelt hält besser war meine Devise. Falls der Arzt schneller einen freien Termin hat, gehe ich dort hin, ansonsten werde ich wohl zur Impfstraße geschickt. Die Bestätigungs-SMS hat dieses Mal zwei Tage auf sich warten lassen, ich war mir schon fast sicher, dass ich wohl zu doof bin, ein online Formular richtig auszufüllen. Als sie dann da war, war ich wieder beruhigt. Jetzt kann es ja nicht mehr allzu lange dauern, ich bin sicher bald an der Reihe für den heiß begehrten Schuss.

Es hat tatsächlich nicht mehr allzu lange gedauert, bis wir (also wir Sozialfuzzis) die Impftermine zugeschickt bekommen haben. Ich zähle mich hier zu einer Berufsgruppe und sage deshalb „wir“. Denn ich persönlich habe nur von meinen Kollegen gehört, wie sie ihre Termine erhalten haben. Zu dem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass irgendetwas nicht stimmen kann. Kollegen in meinem Alter ohne Vorerkrankung erhalten ihre Impfung noch bevor ich überhaupt einen Termin zugeschickt bekomme… Nicht cool. Also cool für alle, die bereits geimpft sind, ich freu mich für euch. Aber wtf war hier los? Inzwischen hat sich der Begriff „Impfneid“ etabliert, was soll ich sagen, irgendwie trifft das zu.

Leicht beunruhigt habe ich dann bei meinem Hausarzt angerufen, ob es denn irgendwelche Termine bezüglich meiner Impfung gibt. Da wurde mir mitgeteilt, dass die Praxis gar nicht mehr impft und sie auch keine Zuweisung für mich erhalten haben. Selbst wenn es so wäre, hätte ich eine SMS mit dem Termin bekommen. Ok. Wenn ich das in fünf Minuten erfragt habe, dann wird es die Impfkoordination doch bestimmt schon wissen.

Da der Arzt mir nicht weiterhelfen konnte, habe ich beschlossen, einmal beim Land nachzufragen, ob denn alles glatt gelaufen ist mit meiner Anmeldung. Nun ja, wenn man die Nummer wählt, erzählt einem ein Band, dass man keine Infos zur Terminvergabe erhalten kann und sich diesbezüglich bitte auf eine Webseite begeben soll. Genannte Seite hat mich dann wieder zurück zur offiziellen Seite geführt, auf der die Nummer steht, die nicht zuständig ist. Noch mal, ich weiß, dass alles etwas chaotisch und fordernd ist. Aber,… Oidah! (Je nach Betonung anders zu interpretierende Form vom hochdeutschem „Alter“. In dem Fall gleichzusetzen mit „willst du mich etwa vera****en?)

Die Auflösung

Nachdem sich die Katze ihren eigenen Schwanz im Maul tragend um die eigene Achse gedreht hat, habe ich einfach eine Mail geschickt, könnte ja sein, dass sie irgendjemand liest, der dann auch zuständig ist. Die Antwort war sehr aufschlussreich. Mein Termin wurde an den Hausarzt weitergeleitet, dort werde ich geimpft. Meine Augenbraue hat sich spontan so weit nach oben verzogen, dass sich an meiner Stirn eine Falte gebildet hat, die ich mit allem Hyaluron der Welt nicht mehr glatt bekommen werde.

Sobald meine Augen mit dem „nach oben Rollen“ aufhören konnten, habe ich dann geantwortet, dass mein angegebener Hausarzt nicht mehr impft und ich darum bitte, meinen Termin zum Impfzentrum umzubuchen. Der nette Mensch hat mir auch am nächsten Tag gleich geantwortet, dass die Umbuchung vorgenommen wurde und an welchen Ort ich mich dann genau begeben soll. Supernett so weit. Allerdings wurde mir nicht gesagt wann.

Auf die Frage, ob ich den Termin dann über SMS erhalte, wurde mir nicht mehr geantwortet. Ich habe versucht, die Füße still zu halten, da die ja auch viele andere Anfragen haben. Nach einer Woche war ich mir dann aber sicher, bestimmt gibt es einen Termin, der mir nicht gesagt wurde und am Ende wird dann behauptet, ich habe ihn nicht eingehalten und muss wieder von vorne beginnen zu warten. Erneut hat mein Augenlid nervöse Zuckungen bekommen. Die Frage „Hast du schon einen Impftermin?“, war diese Tage für mich so herrlich wie die nie aus dem Trend kommende Proteinfrage an Veganer*innen.

Um das Ganze an dieser Stelle etwas abzukürzen, ich habe nach der dritten Anmeldung endlich den Link zur Terminvereinbarung bekommen, den ich gleich genutzt habe. Der nette Mensch von vorhin hat mir dann ein paar Tage später auf meine Anfrage eine Mail mit meinem Termin geschickt. Mit dem Termin, den ich selbst ausgemacht habe. So ist dann die nächste unglättbare Falte entstanden.

Die Impfung

So chaotisch die Terminvergabe auch war, so geordnet und überraschend durchdacht hat sich die Impfstraße dann präsentiert. Ein paar Mal habe ich mich dabei erwischt, nach den Logos der „Umbrella Corporation“ zu suchen, ansonsten habe ich mich sehr gut aufgehoben gefühlt.

Noch habe ich mich in keinen Zombie verwandelt und abgesehen von einem Tag mit Fieber und allgemeinem „bäh“ hatte ich keine erheblichen Nebenwirkungen. Die Freude, endlich wieder „zurück zur Normalität“ zu können, kann ich mit der restlichen Bevölkerung dieses Planeten allerdings nicht teilen. Ich freu mich darauf, mich nach dem zweiten Shot wieder abgesicherter zu fühlen und versuche bis dahin für mich einen Weg zu finden, die aufgezwungene Ruhe auf freiwilliger Basis in meinem Leben zu halten.

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