Die Streukügelchen des Todes

Vorab möchte ich gleich einmal klarstellen, dass ich ein großer Fan von Kräutern bin. Ich meine die zum Trinken und Essen, nicht zwingend die zum Rauchen. Meiner Meinung nach muss man nicht wegen jedem Pups der quer liegt, gleich eine dreiwöchige Antibiotikakur machen und Tabletten werfen wie diese Christiane (jaja auch ich bin dem Hype der „neuen“ Serie erlegen.)

Es könnte auch sein, dass meine geminderte Begeisterung für Wunderpillen daher rührt, dass ich die, die tatsächlich helfen könnten, ohnehin nicht nehmen darf. Die, die übrig bleiben, sind dann genau so hilfreich wie der eben erwähnte Tee. Ich befinde mich seit Jahren in einer on und off Beziehung mit der reizenden Zystitis. Nach ausreichenden Selbsttests kann ich bestätigen, ob ich Antibiotika schlucke oder mit D-Mannose und Blasentee eine Wärmeflaschenparty veranstalte, die Leidenszeit ist unverändert. So gesehen greife ich inzwischen doch lieber zum köstlichen Blasen-Nieren-Tee * Yummy*.

Um auch diese toxische Beziehung aus meinem Leben zu entfernen, habe ich mich eines Tages von einer guten Freundin überzeugen lassen, ihren Homöopathen zu besuchen. Rückblickend betrachtet war dieser „Arzttermin“ die beste Entscheidung im gesamten letzten Jahr. So viel Schwachsinn auf einmal zu hören war eine sehr erfrischende Erfahrung. Außerdem hatte ich beim Wein danach großen Spaß davon zu erzählen (Danke an L. und F. für den herrlichen Abend! Damals, als es noch nettes Beisammensein gab.)

Wie ihr wohl unschwer mitbekommen habt, gab es letztes Jahr schon diese globale Pandemie. Wegen ihr sollte man Abstand zu Fremden halten und eine Maske tragen, wenn man mit ihnen im gleichen Raum war.

Gleich als ich das Behandlungszimmer betreten habe, wurde mit von Dr. D. (das anonymisierte „D“ steht hier möglicherweise in Zusammenhang mit einem Wort, das mir spontan in den Sinn kommt, wenn ich an dieses Szenario denke. Wer ihm das „Dr.“ verliehen hat, ist mir ein ungeklärtes Rätsel) recht aufgeregt gesagt, ich solle die Maske sofort aus meinem Gesicht entfernen, die sei gefährlich. Außerdem würde sie nichts bringen, weil sie keine FFP2-Maske ist (es war eine zertifizierte FFP2-Maske). Solange ich sie trage, würde er kein Gespräch mit mir führen. Meine Mimik und Gestik ist unerlässlich für eine gute Diagnose. Zugegeben, dies war der erste Moment, in dem ich die Praxis schreiend verlassen hätte sollen. Im Nachhinein ist man immer klüger.

Für diesen Tag hatte ich mir allerdings vorgenommen, unvoreingenommen zu sein und mich auf neue Möglichkeiten einzulassen (seitdem weiß ich meinen Sturkopf zu schätzen.)

Herr Dr. D. hat vorab nach einer Lebensgeschichte verlangt, um sich auf das Gespräch vorbereiten zu können. Ich habe mich seelisch einige Tage darauf eingestellt, zu ihm zu gehen, er war sichtlich überrascht, mich zu sehen. Nachdem wir die essenzielle Frage nach meinen Lieblingslebensmitteln geklärt hatten (Melanzani (Auberginen für die Deutschen unter euch), Parasolpilze und Oliven – falls jemand eine Ferndiagnose stellen möchte), ging es in die Tiefe. Ob ich kalte Hände und Füße habe (ja und JA). Mit diesem Wissen konnte er gleich feststellen, dass ich bald Probleme mit meiner Schilddrüse haben werde, auch meine Gelenke werden bald kaputt gehen. Egal wie oft ich ihm gesagt habe, dass ich Tabletten einnehme, die genau das als Nebenwirkung haben, er war sich sicher, die Schilddrüse ist es. OK.

Meine ständig wiederkehrende Blasenentzündung war sehr schnell vom Tisch, Austernfleischauszug sollte das Heilmittel sein. Hätte er meinen Lebenslauf gelesen, hätte er gewusst, dass ich vegan lebe. Als ich ihm das gesagt habe, war er sehr verwirrt, die Kapseln seien ja schließlich aus Rindergelatine und nicht vom Schwein (vegan, nicht Muslima…). Nachdem ich ohne seine Wunderkapseln so oder so nicht gesund werden konnte, ist er gleich zum nächsten Thema gewechselt. Das Long-QT-Syndrom, gefundenes Fressen für Menschen mit viel Meinung und wenig Ahnung.

Dr. D. war sichtlich schockiert, als er (vor mir) meinen Lebenslauf gelesen hat und zu der Stelle kam, in der zu lesen war, dass ich einen ICD implantiert habe. Als würde er gerade mitten in einem spannenden Krimi eine Lesepause einlegen, um sich von dem Schock zu erholen, dass der nette Hausmeister der Mörder war, sah er mir ins Gesicht. So etwas wie eine Genmutation würde es nicht geben, daher kann ich das ja gar nicht haben, und dann auch noch ein Fremdkörper…. Wie kann ich nur. Ein ganz klarer Faustschlag in die Fresse aller Eltern, die Kinder mit einer Genmutation auf diese Welt bringen. Das war der zweite Moment, in dem ich wortlos oder laut schreiend die Praxis verlassen hätte sollen.

Als er über das Wort „Synkope“ gestoßen ist, gab es die nächste Lesepause. Was ich damit meine und wie sich das anfühlt, wollte er wissen. Ich teilte ihm mit, was in meinem Körper so vor sich geht und wie mich der „Defi“ dann unnötiger Weise wieder aus einer Situation zurückholt, die ich mir ja wohl nur einbilde. Der nächste Schlag, diesmal in mein Gesicht, – er fühlt sich aber auch so, wenn er Kreislaufprobleme hat. Diese Ohnmachtszustände sollten nicht so überbewertet werden. Eigentlich bin ich ja wirklich nicht sehr mundtot, aber in diesem Moment wusste ich nichts mehr zu sagen. Ich schwöre bei allem, was mir lieb ist, ich war nicht mehr in der Lage, meinen Mund zu schließen. Mit Maske wäre zumindest die Hälfte meines entrüsteten Gesichtes verborgen geblieben. Meine Augen waren unterdessen mit der Suche einer versteckten Kamera in den Winkeln des Zimmers beschäftigt.

Um mein Erlebnis in der Schmuddelpraxis noch abzurunden, wurde mir von ihm eine Geschichte erzählt, die die Wirksamkeit der Homöopathie unterstreichen sollte. Eine Katze war krank und hat ein Globuli bekommen (so beginnen gute Witze!) Ein paar Stunden später war sie wieder gesund, da sich ihr Körper dazu entschieden hat, sich selbst zu heilen. Das Zuckerkügelchen hat nur den Anstoß dazu gegeben. Dieselbe Katze war dann wieder krank und hat das gleiche Zuckerkügelchen bekommen, dann war sie tot.

Ich würde diese Geschichte an dieser Stelle wirklich gerne unkommentiert wirken lassen….

Allerdings ist das hier mein Blog, und ich lasse gar nichts unkommentiert. WHAT THE F? Die tote Katze war die Erfolgsgeschichte. Sie ist TOT! Der Erfolg lag darin, dass sich ihr Körper dazu entscheiden konnte zu sterben, angestoßen durch das Kügelchen. Kurzzeitig sah ich mich in einem schrägen Horrorszenario, in dem ein verrückter Arzt seine Patienten mit Zuckerkugeln tötet und sich dann gratulierend auf die Schulter klopft – gut hast du das wieder hinbekommen, da hat sich einer fürs Sterben entschieden.

Ich bin noch nicht einmal 29 Jahre und mir sehr sicher, dass ich nicht sterben möchte. Falls mein Körper das anders sehen sollte, hat er kein Mitspracherecht. Dr. D. war sich unterdessen sicher, mich von seiner Behandlungsmethode überzeugt zu haben und kramte ein kleines Fläschchen aus dem Regal. In ein Röhrchen bekam ich ein Globuli Kügelchen. Eines. Wenn ich das nehme, hat er mir gesagt, bin ich meinen Herzfehler (oder die Illusion, einen zu haben) los. Falls das EINE! Streukügelchen allerdings zu stark wirkt, gab er mir noch ein paar Tropfen mit. Aus was die bestanden, wurde mir nicht gesagt, nachdem meine Erkrankung sowieso nicht existiert, ja auch eher unwichtig.

Als der schier ewig andauernde Besuch ein Ende fand, war ich hin und her gerissen. Einerseits halte ich nicht viel von Globuli und bin der (ignoranten) Ansicht, dass die einzige Erkrankung, bei der sie helfen können Anorexia nervosa heißt da so zumindest ein paar Kalorien in den Körper gelangen. Andererseits wollte ich auch nicht enden wie die arme Katze. Tot durch eine Überdosis von EINEM! Globuli. Mein Körper könnte sich tatsächlich für den Tod entscheiden, alleine deshalb, weil die Schlagzeile in der Zeitung großartig wäre.

Um dem Abend zusätzlich zum Wein danach etwas Gutes zuzuschreiben, der Tee, den er mir eher widerwillig mitgegeben hat (kann ja nicht helfen, wenn ich die Austern verschmähe) hilft ganz gut, wenn die liebe Zystitis wieder an der Türe kratzt. Das Zuckerkügelchen liegt noch immer in meinem Küchenschrank, direkt neben den Tropfen, die es abschwächen sollen. Ob ich es einfach wegwerfe, an einen Drogendealer als Superstoff weitergebe oder meinen Erzfeinden ins Essen mische, um sie aus dem Weg zu räumen, muss ich noch entscheiden.

Wer mit Homöopathie gute Erfahrungen gemacht hat, dem sei das vergönnt. Ich gehe davon aus, dass es auch Ärzte gibt, die nicht ganz so verschroben sind und in diesem Bereich praktizieren (ich hoffe es zumindest). Allerdings bleibe ich lieber auf meiner Schiene zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin und überlasse die Katzenkillerkugeln denen, die sie haben wollen. Ich war nach dem Besuch auf jeden Fall um eine Erfahrung reicher und habe Tränen gelacht. Ob es auch noch zum Lachen ist, wenn jemand aufgrund eines solchen ärztlichen Rates seine lebenswichtigen Medikamente durch ein Zuckerkügelchen ersetzt, wage ich allerdings zu bezweifeln.

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