Lust, Leidenschaft und Long-QT

Körperliche Nähe kann etwas Wunderbares sein. Man schmiegt sich aneinander, ist sich nahe, hört den Herzschlag des anderen und in meinem Fall, stöhnt laut auf, weil das Gegenüber sich auf meine linke Seite kuschelt und den ICD als Kopfkissen benutzt. Es beginnt in meiner Brust unangenehm zu ziepen und vor meinem inneren Auge bekomme ich sofort Bilder von Elektroden geliefert, die sich an Knochen reiben. So komme ich natürlich am schnellsten in Stimmung.

Wenn ich genau darüber nachdenke, sind mir die Menschen, die sich unbedacht auf meine linke Brust legen, aber die liebsten. Das heißt nämlich, dass sie mich nicht in Watte packen und vor der bösen Außenwelt beschützen wollen. Sie vergessen einfach, dass ich einen angeborenen Herzfehler habe. Wenn ich meine intimeren zwischenmenschlichen Erfahrungen Revue passieren lasse, stelle ich fest, dass ich es mit drei Arten von Personen zu tun hatte.

Die, die dich nicht vergessen lassen, dass du eine Krankheit hast.

Ja, ich habe eine Maschine implantiert, die mich in gegebenem Fall wieder zurück ins Leben holt. Es ist auch total gut, dass die Wissenschaft so weit ist. Meine Tabletten nehme ich regelmäßig. Ja, auch heute Abend habe ich dran gedacht. Mein Kaliumspiegel ist stabil, danke der Nachfrage. Wer wird von so einem Gespräch nicht ganz wuschig? Solche Themen kann man natürlich besprechen, wenn du damit anfängst, weil du meine Narbe durch die Reizwäsche siehst, wird diese aber sehr schnell gegen einen Jogginganzug getauscht, um einen Netflix Marathon mit Kissenwand zwischen uns zu starten. Ach ja, wo wir schon bei „dirty talk“ sind, wie geht es eigentlich deiner Verdauung? Und ist der Abszess deiner Tante Frieda schon wieder abgeheilt?

Die, denen es absolut egal ist, dass du eine Krankheit hast.

Diese Menschen verhalten sich im Bett wie eine Herde besoffener Wasserbüffel. Egal wie oft du Sie bittest dir nicht über deine Implantatnarbe zu kratzen, sie wiederholen es ein paar Minuten später, weil es ihnen einfach egal ist. Wenn du mit ihnen ausgehst, werden sie dir jedes Mal ungefragt einen Energydrink bestellen (Ach, ja, darfst du nicht, habe ich vergessen…) und dir in Krankheitsfällen keinen Tee bringen, sondern ein Medikament, das sich in die Klinik befördert (da, muss sich dann wer anders um deine Versorgung kümmern). Diese Menschen haben ein herausragendes Talent dafür zu sorgen, dass du ständig an deine Erkrankung denken musst.

Die, die dafür sorgen, dass du es vergisst.

Ja, sie vergessen es mit dir und liegen manchmal auf deinem Implantat. Umgeben von diesen Menschen fühlst du dich aber weder wie ein brabbelndes Kleinkind, das nicht für sich selbst sorgen kann, noch wie der zerfledderte Ball in einem Rugby Spiel.

Wenn man für zwischenmenschliche Beziehungen gerade keine Lust, Zeit oder (aus gegebenem Anlass) Virenschutzanzüge hat, gibt es auch Möglichkeiten, alleine Spaß zu haben. Eine breite Palette an Angeboten steht zur Verfügung, man kann sich kaum entscheiden. Für diejenigen, die es nicht unterhaltsam finden, im Sexshop über die Titelauswahl der Pornofilme zu lachen (Arielle, die Nicht-mehr-Jungfrau *hahaha*), gibt es in Onlineshops eine feucht fröhliche Auswahl an Unterhaltungsgegenständen. Erhältlich ist alles in klein, mittel, groß und erschreckend riesig, sowie in verschiedenen Farben, Formen, Mustern und Geschmacksrichtungen. Natürlich gibt es auch allerhand Toys mit Vibrationsfunktion. Von „schnurren wie ein Kätzchen“ bis „Nachbars Bohrmaschine an einem Sonntagmorgen“ gibt es verschiedene Stufen.

Ich weiß, dass viele Menschen keine Bedienungsanleitungen lesen und beneide sie für diese rebellische Haltung. Zur Kategorie „alles, was Spaß macht, ist verboten“ wird in diesen Teufelsbroschüren nämlich auch vor dem einzigen, das einen miesen Tag noch retten kann, gewarnt. „Do not use the product if you have a pacemaker“. Warum wollt ihr mir diese Freude nehmen? Nach langer Internetrecherche bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass ich wohl die einzige Person bin, die diese Anleitungen überhaupt liest. Wie so eine Gerätschaft zu benutzen ist, ist meist ja auch selbsterklärend. Ich bin zwar nicht aufsässig genug, eine Bedienungsanleitung ungelesen im Altpapier zu entsorgen, aber diesen Rat übergehe ich seit Jahren so gekonnt wie damals die Anwesenheitspflicht im Französischunterricht (Excusez moi, wenn ich oft genug hier war, um eine Note zu erhalten, was soll ich dann nächste Woche noch hier?). Falls mein fehlendes technisches Verständnis bei euch Schweißausbrüche hervorruft… bei mir auch, und es gefällt mir. Wenn ich mich damit umbringe, ohne es zu wissen, bitte klärt mich auf!

So sehr ich den Inhalt meines Nachtkästchens auch zu schätzen weiß, ersetzt er auf Dauer aber keine richtigen Menschen. Wenn ich beim Sex im Hochsommer nicht mehr weiß, ob der Höhepunkt naht oder die Synkope, habe ich eine vertraute Person (oder hoffentlich zumindest jemanden, der in der Lage ist, ein Handy zu bedienen) gerne um mich. Ein Grund mehr, warum ich die kälteren Monate bevorzuge, ich weiß meistens, weshalb ich ins Schwitzen gerate. Außerdem kann man das Fenster geschlossen halten, was die Nachbarn ganz gut finden (auch, wenn ich dem mit der Bohrmaschine diesen Frieden nicht vergönne).

Da mich das Leben gef***t hat, bevor jemand anders es konnte, wurde ein implantierbarer Kardioverter-Defibrillator in mich hineingesteckt, bevor etwas anderes dazu die Chance hatte. Mit der Diagnose und der Operation kam natürlich ganz viel Unsicherheit, die sich erst durch Routine wieder beheben ließ. Das erste Mal wieder vorsichtig Sport machen, das erste Mal wo anders übernachten usw. Daher war ich beim „Ersten Mal“ doppelt nervös. Alles ist gut gegangen, es gab keine Horrorszenen. Bis dato hatte ich nur Herzstolpern oder Panikattacken bei den Schäferstündchen, noch nie eine Synkope. Um Traumata bei meinem Gegenüber und mir selbst zu vermeiden, hoffe ich inständig, dass es so bleibt.

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