Ode an die Elektrode

Falls ihr auch zu den Menschen gehört, bei denen eine Glühbirne ganz selbstverständlich explodiert, wenn sie einen Raum betreten, willkommen in meiner Welt. Mit Technik hatte ich es noch nie so ganz. Zugegebenerweise habe ich mich inzwischen damit angefreundet, dass das 21. Jahrhundert digital stattfindet und meine Freude daran gefunden. Ich hinke im Verständnis leider immer noch hinterher.

Ohne die tatkräftige Unterstützung von A. hätte ich es wohl bis heute noch zu keinem Blog gebracht. Danke vielmals fürs anspornen und Computer Dinge tun, die ich nicht verstehe. An dieser Stelle auch ein herzliches Danke an Freddy, der mir immer und immer wieder dieselben Dinge erklärt hat, bis sie endlich so aussehen, wie ich es will. Nein, ich kenne ihn nicht persönlich. Die viele Zeit, welche ich mit ihm verbracht habe, vermittelt mir aber das Gefühl einer tiefen Freundschaft.

Jetzt, da wir klargestellt haben, dass ich ohne Youtube Tutorials wohl noch immer Brieffreundschaften (oder Rauchzeichen) pflegen würde, kommen wir zum Thema des heutigen Beitrages. Explodierte Glühbirnen kann man recht schnell wechseln, wenn man mit dem PC nicht umgehen kann, kann man ja immer noch… (hm, ja was denn eigentlich….). Wie auch immer, ich spreche natürlich von der Technik, die in mir verbaut ist.

Wie ich schon ein paar Mal erwähnt habe, war bei mir bereits eine ICD Elektrode kaputt. An dieser unglaublich entspannten Woche meines Lebens möchte ich euch jetzt gerne teilhaben lassen.

Meine Schwester war zu Besuch im schönen Österreich und sollte meinen damaligen neuen Freund kennenlernen. Für einen Samstagnachmittag haben wir uns in einem Lokal mit köstlichen veganen Crêpes verabredet. Das Kennenlernen war, tja, ok. Die Palatschinken waren definitiv das Highlight des Tages. Mit meinem Freund war ich frisch zusammen und total verblendet. Es ist uns beiden damals noch nicht aufgefallen, dass wir so ein gutes Match abgeben wie Sandalen und weiße Sportsocken. Kann man machen sollte man aber nicht.

Nachdem wir nicht so viele Gemeinsamkeiten hatten, haben wir nach dem familiären Kennenlernen geschlafen. Nicht miteinander, denn auch darin haben wir nicht gut harmoniert. Im Halbschlaf habe ich ein komisches Geräusch wahrgenommen, konnte es aber nicht wirklich zuordnen. Um ehrlich zu sein, dachte ich, irgendein Elektrogerät wird wohl gerade nach Strom schreien und ich bin zu verschlafen, um das Piepsen zuordnen zu können. Nachdem ich „Nickerchen machen“ sehr gut kann, habe ich mich davon auch nicht aus der Ruhe bringen lassen und einfach weitergedöst.

Ein paar Stunden später haben wir uns der zweiten Aktivität, die uns verband, gewidmet und noch mal gegessen. Da war es dann schon wieder. Bis dahin reagierte ich noch nicht wie eine Katze, die einen Laserpunkt an der Wand sieht, wenn elektrisches Piepsen erklingt. Das sollte sich aber schlagartig ändern. Ich war mir ziemlich sicher, dass das Geräusch aus mir kommt. Je sichererer ich mir wurde, desto unsicherer habe ich mich gefühlt. P. saß neben mir und hat mir mitgeteilt, dass ihm dieses Geräusch auch schon beim Crêpe essen aufgefallen ist. Ich kann Sachen wohl besser ausblenden, als mir lieb ist.

Von da an ertönte alle paar Stunden das Geräusch eines Krankenwagens in meiner Brust. Nachdem ich die Angewohnheit habe, lieber zu leiden als zum Arzt zu gehen, habe ich den Anruf im Krankenhaus auf Montag verschoben. Ich habe mich zwei Nächte und einen Tag gequält, wollte ja keinen unnötig stressen. Bitte macht das nicht zu Hause nach!

Schlafen war ab dem Moment, in dem ich verstanden habe, dass es sich um das Warnsignal meines ICD handelt, ausverkauft. Ich habe mir Sorgen gemacht und hatte Angst. Nicht unwesentlich hat auch der Krankenwagen beigetragen, der im regelmäßigen Abstand durch mich durch gedüst ist.

Am nächsten Montag habe ich gleich in der Früh meinen Kardiologen angerufen und einen raschen Termin in der Ambulanz bekommen. In weiser Voraussicht, dass die News, die der Onkel Doktor für mich hat, wohl nicht die Besten sein werden, hatte ich meine Mama gleich als Seelentrösterin im Schlepptau.

Die Woche war also mit „oh, die Elektrode hat etwas. Da müssen wir operieren“ eingeleitet. Wegen des Termins zum einrücken würde er sich so schnell es geht bei mir melden, das Pieps Geräusch kann man zwar abstellen, er wird aber bald wieder beginnen. Herrlich.

Gleich am nächsten Tag habe ich den ebenso gefürchteten wie ersehnten Anruf erhalten. In zwei Tagen komme ich unters Messer. Ich habe mich dazu entschieden, den folgenden Tag noch in der Arbeit zu verbringen. Ablenkung tut gut, dachte ich mir. Dass Beratungsgespräche sich äußerst eigenartig gestalten, wenn mitten drinnen die Brust ein Warnsignal abgibt, habe ich nicht bedacht. Dass die Situation doppelt eigenartig ist, wenn die Menschen, mit denen man arbeitet, zum Teil an psychischen Problemen leiden, habe ich ebenso ausgeblendet. Ich habe die Stelle erst vor Kurzem begonnen und es war mehr als genug Arbeit für mich und meine Kollegin zu erledigen. Timing kann ich.

Noch am selben Tag habe ich in der Klinik angerufen, um zu besprechen, dass ich bitte unbedingt eine Beruhigungstablette brauche, bevor mir eine Leitung gelegt wird. Von der Schwester wurde mir versichert, dass das kein Problem darstellen wird, meine größte Sorge war somit vom Tisch. Am folgenden Tag habe ich unter immer wiederkehrenden Tränen (ich kann es nicht oft genug sagen, ich bin eine Heulsuse), also meinen Koffer gepackt und das Tablet von P. bekommen, um mir die Zeit im Krankenhaus zu vertreiben.

Am nächsten Morgen auf der Station angekommen, wusste nach der Aufnahme allerdings keiner mehr von meinem Gespräch mit der netten Krankenschwester. Ich bin tätowiert und trage Piercings, ich weiß, wie lächerlich es wirken muss, wenn ich sage, dass ich Angst vor einem Schlauch in meiner Vene habe. Nachdem Angst ja auch immer plausibel erklärbar und nie irrational ist, konnte es die Ärztin, die vor mir stand, auch gar nicht nachvollziehen warum ich mich so angestellt habe. In meiner Erinnerung begannen in ihren Augen grüne Flammen zu leuchten, als sie dabei war, die Nadel in meinen Arm zu rammen, in der Realität war sie wohl einfach unsensibel.

Mir wurde also die Leitung gelegt ohne vorherige Beruhigungsmittel. Statt einer Tablette wurde ich ins Lächerliche gezogen. Ganz im Gegensatz zu dem sonst recht netten Klinikpersonal, für das ich wirklich dankbar bin, hat diese Ärztin einen Platz auf meiner „Liste“ erhalten (egal welche Liste, aber sie hat einen Platz unter den Top 10). Nachdem mir dieser menschgewordene Berg an Mitgefühl nicht glauben wollte, wie sehr ich mich tatsächlich fürchte, hat mein Körper es dann verdeutlicht. Als die Nadel dort war, wo sie hingehörte, war mein Kreislauf leider ganz wo anders und ich beinahe unterm Tisch im Wartezimmer.

Ironischerweise hat sie mir dann eine Beruhigungstablette angeboten, es könnte ja keiner ahnen, dass ich mich so hineinsteigern würde. Ja, doch. Also ich und ich habe es mehrmals gesagt. Sogar telefonisch. Keine Überraschung, danke für gar nichts.

Sobald ich wieder aufrecht stehen konnte, ging es dann auch zur Untersuchung. Es sollte kontrolliert werden, ob denn noch eine weitere Elektrode ohne Probleme in mir Platz hat. Der Plan war, die, die Probleme macht, stillzulegen und eine Weitere hineinzuschieben. Ich war wieder nervös, aber das Kontrastmittel konnte ja ohnehin über die bereits gestochene Leitung eingeflößt werden, somit nur halb so schlimm und nur ein paar Tränchen wert.

Das Ergebnis des Tests war sehr positiv, es sollte nichts dagegensprechen aus mir einen Elektrodenfriedhof zu machen. Von da an war der Tag recht unspektakulär. Ich habe mir zig Folgen „Vampire Diaries“ (shame on me) reingezogen und auf den nächsten Morgen gewartet. Nachdem ich für die OP nüchtern sein musste, ist mir auch das vorzügliche Abendmahl entgangen.

In der Früh habe ich noch mal Besuch von P. bekommen. Kurz darauf wurde mich auch schon mein superheißes OP Outfit überreicht und ich durfte den Catwalk zum Eingriff erobern. Der junge Typ, der mich dabei begleitet hat, war der Ex-Freund einer entfernten Verwandten (auf den Grad genauer einzugehen wäre bei unserer Patchworkfamilie etwas zu aufwendig). Der Saal war noch nicht bereit für meine strahlende Präsenz, daher mussten wir davor warten. Die Zeit hat sich nach einer Ewigkeit angefühlt. Nicht zuletzt, weil ich mir die Trennungsgeschichte der beiden sowie seine Überlegungen, sie wieder zurückzuerobern, in Endlosschleife angehört habe (Ich hoffe, du hast sie wieder bekommen, oder konntest dich endgültig von ihr lösen!)

Die Operation ist gut verlaufen, im Aufwachraum durfte ich kurz mit P. telefonieren. Er hat auf der Station auf mich gewartet hat. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich danach noch im Krankenhaus bleiben musste. Es war zwischen einer halben und einer ganzen Staffel (Ich bin die Königin des Binge-Watchings). Nachdem ich zurück in meinem Zimmer war, durfte ich endlich das köstliche vegane Menü der Krankenhausküche genießen (nur ein Scherz, so geschmacklos sind sonst nur „deine Mutter“ Witze und Naturtofu.)

Trotz der Schmerzen war mein Schlaf ohne das nervige Gepiepse in der Brust recht erholsam. Verheilen konnte auch alles gut. Was mir von dieser Woche geblieben ist, sind also ungenutzter Metallschrott in meiner Brust und nervöses Verhalten bei gewissen Geräuschen. P. so nett er sich in dieser Zeit auch um mich gekümmert hat (danke dafür, falls du es jemals lesen solltest), ist aber nicht mehr lange in meinem Leben geblieben. Besser so. Unsere zwei Gemeinsamkeiten waren nämlich auch die Einzigen. Ja, ich spreche von essen und schlafen. Hinzu kommt (unter anderem), dass ich Menschen nur recht schlecht aushalten kann, die im Alltag reimen, er hingegen konnte nicht verstehen, wieso mir seine Reime auf die Nerven gehen. Der gefühllosen Ärztin von diesem Tag wünsch ich einen juckenden Popoausschlag.

Könntet ihr mir gerade zuschauen, würdet ihr sehen, wie mein rechtes Auge nervös zu zucken beginnt…

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