Stimuliert

Auch wenn mein Kardiologe zugegebener Maßen nicht unattraktiv ist, träume ich nachts nicht von ihm. Falls es doch mal vorkommt, dann ist es bestimmt keiner „dieser“ Träume. Faktisch ohne eine tatsächliche Berührung schafft er es trotzdem regelmäßig mein Herz zum Rasen zu bringen. Mit freiem Oberkörper und kleinen Saugabdrücken auf meiner nackten Haut liege ich vor ihm. Er steht nur da und hat die volle Kontrolle über mich.

Ungefähr einmal im Jahr haben wir diese heißen Verabredungen. Schon Tage zuvor bin ich unruhig. Was wird er von meinem Zustand halten? Ist er zufrieden mit dem, was ich ihm zu bieten habe? Wann wird die nächste Übernachtung anstehen?

Die Situation unserer Dreiecksbeziehung („Er“, ich und mein ICD) dreht sich in meinem Kopf wie ein Gogo an der Stange, wenn ich zu „Ihm“ fahre. Am Telefon beteuert mir eine Freundin, dass wir bestimmt noch nicht so weit sind, um mich bei sich zu behalten und dass diese Verabredung wie meine anderen Dates sein wird. Kurz, langweilig, unbeeindruckend und gleich vergessen (Wenn ein paar dieser Dates mehr nach Desinfektionsmittel und weniger nach einem Gras-Schweiß-Gemisch gerochen hätten, wären sie vielleicht nicht in diese Kategorie gefallen).

Mit der Hoffnung, nach unserem alljährlichen Abenteuer schnell wieder vor die Tür gesetzt zu werden, betrete ich dann die unerotischen Räumlichkeiten der kardiologischen Abteilung. Die Freundin am Telefon wird durch ein nettes Gespräch mit einer Krankenschwester ersetzt. Diese teilt mir mit, dass „Er“ noch auf sich warten lässt. Derzeit ist „Er“ wohl noch mit jemand anderem beschäftigt.

Wenn ich im Wartezimmer auf einem unbequemen Holzstuhl hin und her rutsche und um mich schaue, kommt in mir unweigerlich der Gedanke auf, dass ich wohl tatsächlich das Knackigste bin, dass sich hier heute auszieht. Nicht weil ich mich für so superschön halte, auch nicht, weil ich vor Nervosität mit meinen Fingerknöcheln spiele, sondern weil ich mich in meiner Altersklasse +30 sehr einsam fühle. Auch wenn die Ansammlung an Menschen, mit denen ich mich im Wartezimmer befinde, locker für eine nette Gangbang-Umschreibung ausreichen würde, kann ich dieser Situation nicht Mal einen ironisch-erotischen Stempel verpassen. Es ist langweilig, alle warten auf Ergebnisse, Diagnosen, Abklärungen und Einschätzungen. Meine Mitwartenden und ich sind also genervt oder besorgt. – Unsexy!

Einige Zeit später ruft eine Schwester laut über den Gang zum Wartebereich, in welchem Zimmer „Er“ mich bereits erwartet. Kaum betrete ich den Raum, wird mir schon gesagt, dass ich mein Shirt in der Garderobe ausziehen soll (Nur keine Zeit vergeuden). Kaum bin ich frei, werde ich auch schon gebeten, mich hinzulegen. Der Ort, an dem sich gleich alles abspielt, ist eine graue Liege. Durch eine integrierte Papierrolle werden die Spuren des Vornutzers entfernt und für mich eine hygienische Unterlage geschaffen (Ich war noch nie in „gewissen“ Etablissements, aber frage mich, ob es dort auch so ein System gibt?).

Nachdem unsere Treffen immer etwas ganz Besonderes sein sollen, ist Zweisamkeit zu klassisch. Ums feucht machen kümmert sich eine reizende Krankenschwester, die mich einsprüht (nicht schrecken, es ist kalt) und danach kleine Saugnäpfe an mir befestigt, die ein EKG schreiben (eine ganz besondere Bondageerfahrung).

Nachdem sich bereits kreisrunde Abdrücke an meinem Körper befinden, darf ich mich wieder anziehen. Endlich kommt „Er“ ins Spiel. Wir unterhalten und kurz, und schon packt er auch sein kleines Spielzeug aus. Er legt ein Gerät auf meine Brust, das aussieht wie eine Computermaus. Vibrieren kann es zwar nicht, aber es verrät ihm tiefe Einblicke. So kann er mit ein paar Klicks auf seinem Bildschirm sehen, wann ich mich übernommen habe (ich bin meinem Hund hinterhergelaufen, eine lange Geschichte…), ich krank war oder ohne ihn Spaß hatte (Zu meiner Schande auch mal mit denen, die nicht nach Desinfektionsmittel gerochen haben).

Wenn wir die vergangenen Monate hinter uns lassen können, konzentrieren wir uns hemmungslos aufs Hier und Jetzt. Es beginnt der stimulierende Teil unseres Beisammenseins. Innerhalb von Sekunden schafft er es, mein Herz zum Rasen zu bringen. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, ändert es auch schon die Frequenz und folgt ausschließlich „seinen“ Anweisungen. Für diesen einen Moment gehört mein Herz ganz ihm (This year, to save me from tears, I’ll give it to someone special(ist)…Wham! Bin ich nicht lustig?)

So schnell der Moment kommt, ist er meist auch schon vergangen. Während „Er“ sich noch mit meinen aktuellen Werten beschäftigt, plane ich schon die gemeinsame Zukunft. Wann werden wir uns wiedersehen? In diesem Moment werde ich wieder zurückhaltend wie ein Schulmädchen. Ich will den großen Moment so lange wie möglich hinauszögern. Eine schnelle Nummer ist ok, aber eine Übernachtung ist mir dann doch zu fix. Vor allem will ich nicht, dass in mir herumgestochert wird.

Dank des fabelhaften Spielzeugs können wir die Zeit zur nächsten Pyjamaparty recht gut einschätzen. Einen Ausblick für unser nächstes Tête-à-Tête bekomme ich liebevoll auf eine blutrote Karte geschrieben. Für den Fall, dass ich sie vergessen habe (wie, könnte das nur passieren) finde ich seine Nummer direkt daneben. Die Informationen dir er meinem Innersten entnommen hat, entscheiden schließlich, ob ich den Raum mit zitternden Knien verlasse oder mit einem glücklichen Schmunzeln nach Hause gehen kann.

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