Stress

Vereinfacht gesagt, blockieren meine Tabletten Rezeptoren, die von Stresshormonen wie Adrenalin benutzt werden. Das verhindert, dass der Blutdruck und die Pulsfrequenz ansteigen. Disstress ist negativer Stress, unter Eustress versteht man positiven Stress. Wenn das mit LQTS so einfach wäre, könnte ich die Tabletten weglassen und abwarten, welche Art von Stress das für mich und mein Umfeld bringt.

Eustress wie vor dem ersten Kuss oder dem ersten Konzert (an das ich mich wesentlich besser erinnern kann als den ersten Kuss. Sorry, D.) fühlt sich toll an. In der Magengegend spielt eine Mischung aus Schmusepop und Metalcore. So viel Gefühl und Power, ich könnte nur mal kurz die Welt retten oder mich in einen Pogo werfen. In Österreich würde man Bäume ausreißen.

Ich arbeite im Sozialbereich. Positiver Stress steht nicht immer an der Tagesordnung, aber es gibt viele erste Male zu erleben. Diese haben aber nicht viel mit dem Gefühl des ersten Kusses zu tun. Obwohl kennt ihr das mit einem Fremden auf der Tanzfläche? Ihr küsst euch, und schon in dem Moment dürft ihr feststellen, dass eure Eroberung Zähneputzen nur als Eventualität erachtet. Das Herz beginnt zu rasen. „Wie komme ich aus der Nummer wieder raus?“, steht mit großen, roten Lettern auf seiner Stirn geschrieben. Ihr tut so, als müsstet ihr euch übergeben und flüchtet schnellstens in die nächste Bar, um euch den Mund mit Schnaps zu desinfizieren. Mit so einer Art Kuss könnte man Arbeitsstress vergleichen. Nur, dass man sich im Dienst den Alkohol ausnahmslos über die Hände kippen darf.

Natürlich gibt es auch Momente, die entspannt sind und den Puls nicht in unentdeckte Sphären treiben. Wir erleben unerwartete Erfolge und haben täglich mit spannenden Menschen zu tun. Trotzdem ist es ein Drahtseilakt, die Ruhe in sich zu tragen wie Buddha aber Krisen so schnell zu bekämpfen wie „The Flash“. Natürlich können wir uns mit dem überdimensionalen Gehalt, das an „Sozialberufler“ ausbezahlt wird, nach Dienstschluss gemütlich im Whirlpool mit Champagner entspannen. (Haha).

Ich hätte mir natürlich auch einen Job suchen können, der weniger stressig ist. In der heutigen Gesellschaft auch ein Leichtes. Burn-out lauert an scheinbar jeder Ecke. Wer nicht im Büro heult, der säuft zu Hause. An dieser Stelle muss ich meiner Erkrankung ein großes DANKE aussprechen. Sie erinnert mich nämlich daran, dass ich zurückschrauben muss, bevor es ein Magengeschwür, eine Depression oder der 3. und dann womöglich auch geglückte Suizidversuch es erledigt.

Schauen wir uns ein paar Körperreaktionen auf Stress an. Herzklopfen, schnelle und flache Atmung, angespannte Muskulatur, Schweißausbrüche, zittriges Gefühl in den Händen und Knien, innere Unruhe und Nervosität. Das Adrenalin schießt durch unseren Körper. Wir glauben, wir müssen vor einem wilden Tier flüchten oder es angreifen.

Auch wenn manche Menschen aussehen, als würden sie nur darauf warten, kämpfen wir heute tendenziell seltener gegen wilde Tiere, als es evolutionsgeschichtlich der Fall war. Säbelzahntiger sind ausgestorben, die größten Tiere auf unseren Tellern gibt es für 1,99€ in der Tiefkühllasagne. Stress bekommt da nur unser Metabolismus, wenn er verzweifelt nach Nährstoffen sucht.

Unser Leben besteht aber aus mehr als Arbeit und Verdauung. Auch in unserer „Freizeit“ gibt es Situationen, in denen wir (Natürlich nur in unseren Gedanken) die Speerspitze zuschleifen. Sei es eine Familienfeier, bei denen Tante Frida ihre Weisheiten mit „Ich habe ja nichts gegen Ausländer aber…“ einleitet, oder die äußerst hilfreichen Tipps von selbst ernannten YouTube-Ärzten. Der Puls muss gar nicht mehr gemessen werden, die Dankeskarte an den Hersteller des ICDs wird gleich losgeschickt.

Egal ob positiver oder negativer Stress, keiner von uns kann täglich 200 % geben, ohne auf Dauer darunter zu leiden. Bei mir reichen schon ein paar Tage mit 100 %, oder mit 80 % und einer verstopften Nase. Dann buddelt sich meine Erkrankung aus den Untiefen des Gefrierfachs heraus, in welchem ich unangenehme Dinge wegsperre, und meldet sich zu Wort. Ich wiederhole mich jetzt von vorhin. Herzrasen, Schwindelgefühl, zittrige Arme und Beine, Schweißausbrüche, Übelkeit. Auch in dem Fall muss ich gegen keine Raubkatze kämpfen, eher gegen mich selbst.

Weil ich mir lange nicht eingestehen wollte, dass ich als junger Mensch nicht immer 200 % geben kann, wurde ich unsanft daran erinnert. Zack bum, Platzwunde, Blut, Rettung und traumatisierte Kollegen. Das war also nicht der Disstress, sondern eine Synkope. Anfangs schwer zu unterscheiden, bis es so weit war, war es zu spät.

Seitdem kämpfe ich mit Panikattacken. Wie äußern sich diese? Genau: Atemnot, Benommenheit, weiche Knie, Schwindel, Herzklopfen, Erstickungsgefühle, Übelkeit, Hitzewallungen, Angst, die Kontrolle zu verlieren. Somit hatte ich eine Zeit, in der ich bei Stress dachte, ich kippe gleich um. Auch wenn es nicht so war, bekam ich eine Panikattacke, die sich dann wieder wie eine Synkope angekündigt hat, das hat mir wieder Angst gemacht und davon bekam ich Stress… ist zu erkennen, worauf ich hinauswill? Das Muster ist durchschaubar, aber nicht leicht zu durchbrechen. Ich habe einige Ärzte sowie meine Familie und Freunde damit verrückt gemacht, bis ich mir endlich eine Therapeutin gesucht habe, die ich dafür bezahle, sich meine Verrücktheiten anzuhören.

Auf der Seite des Uni-Klinikums Heidelberg ist zu lesen: „ Zu kardialen Ereignissen im Rahmen eines Long QT-Syndroms kann es durch körperlichen und emotionalen Stress kommen, ausgelöst beispielsweise durch Sport, Furcht, Zorn, Freude, Aufregung und plötzliches Wecker-/Telefonläuten.

Heißt so viel wie ich habe Stress, bekomme Angst davor, ein kardiales Ereignis zu haben, stehe in der Panikattacke und die Chancen stehen gut, dann von der Panikattacke besagtes kardiales Ereignis zu haben. Der Gedanke ist doch richtig entspannend oder?

Es bedeutet also nicht, dass nur Disstress mich aus den Socken werfen kann, das kann auch Eustress. Der Liebeskummer kann mein Herz zerreißen, die nächsten Frühlingsgefühle bringen dann die totale Apokalypse.

Tatsächlich ist es in meinem Fall aber so, dass ich mit Arbeitsstress besser klarkomme als mit emotionaler Belastung. „Bleibe ich in dieser Beziehung?“, „Will ich meinen nächsten Urlaub wirklich mit deinen Eltern verbringen?“, „Kaufe ich die regionale Bio-Gurke in Plastikverpackung oder doch die nackige Konventionelle?“, wo die Grenze für emotionale Belastung liegt, wird nach Stimmungslage festgelegt.

Ich versuche, an mir zu arbeiten und meine Mitte zu finden. Gefunden habe ich sie auch, allerdings hängt sie sehr schief an einem leicht beschädigten Bindfaden. Wenn ich gut drauf bin, gehört Meditation, Yoga und ausgewogene Vollwertkost zu mir, ohne könnte ich es mir dann natürlich gar nicht vorstellen. Ich versuche, positiv zu denken, man hört ja überall, dass die Gedanken viel beeinflussen können. Wenn ich schlecht drauf bin und eine Entscheidung treffen muss, die mein weiteres Leben beeinflusst, dann werfe ich das alles über Bord, suhle mich in Selbstmitleid und statt grünen Smoothies gibt es blondes Bier. Sinnvoll wäre es ja, genau dann an diesen Dingen festzuhalten. Aber wie sollte ich mir dann demonstrieren, wie bemitleidenswert ich bin?

Diese Aufs und Abs machen das Leben aber auch erst zu dem, was es ist. Ich musste schon sehr früh lernen, auf meinen Körper zu hören. Es wäre wesentlich netter gewesen, es auf einem anderen Weg zu erfahren, aber das Leben ist kein Wunschkonzert… Prost!

2 Antworten auf „Stress“

  1. Synkope… bei mir endgeile bunte Farben vorm Auge und dann dunkel, schade 😭 Die Ruhe ist toll… nur vorher ists halt echt kacke!!! Herzstolpern, Atemnot, aufsteigendes Unheilgefühl, Panik, metallischer Geschmack im Mund, Rauschen in den Ohren, Tunnelblick, kalter Schweiß, wieder Panik, Kontrollverlust und dann diese endgeilen Farben und Ruhe ist. Dann allerdings vollgekotzt und mit allem möglichen an flüssigen und etwas festeren im Schlüppi wieder zu sich zu kommen, weniger. Die im RTW und Notaufnahme scheints weniger gestört zu haben, als mich.

    1. Hast du denn auch einen Defi oder nur Glück, dass du wieder zu dir gekommen bist? So schlimm wars bei mir noch nie, ich kotze immer erst danach…
      Du kannst mir gerne auf Insta mal schreiben, wenn du dich austauschen möchtest 🙂
      LG

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