was wäre, wenn…

Zugegeben, ich sitze regelmäßig deprimiert in einer Ecke, verfluche das Schicksal und denke mir: „Warum bin ich nicht gesund?“. Tja, weil es nun mal nicht so ist. Aber was wäre wirklich, wenn ich gesund wäre? Was würde in meinem Leben so viel besser verlaufen, wenn ich keine Maschine implantiert hätte, die mich aus dem Reich der toten holt, wenn mein Herz eine Reise zu den Radieschen gebucht hat?

Der Wunsch, nicht allein zu sein, wenn ich mich verabschiede und mit einem lauten Knall in die Realität zurückgeholt werde, ist bei mir sehr groß. Auch wenn ich nach einem Schock die Gegenwart von Menschen nur sehr schwer ertrage (wie sonst auch) möchte ich doch nicht allein sein. Wenn die Gesundheit schlappmacht, wünsche ich mir Stabilität. Mein „gesundes Ich“ ist da allerdings um einiges komplizierter. Ich will frei sein und brauche viel Zeit alleine. Vielleicht hätte ich als komplett gesunder Mensch inzwischen eine offene Beziehung mit 10 Menschen. Wir würden mit alle in einem großen Haus mit Garten leben, wo wir nackt Tomaten anpflanzen. Wenn ich gesund wäre, würde ich vielleicht wie die verrückte Katzenfrau aus den Simpsons mit Hunden (dann halt eben die verrückte Hundefrau) nach dem netten Typ im Supermarkt werfen, der mich so hübsch angelächelt hat. Vielleicht würde ich gerade aus einer Kellerwand gestemmt werden, da ich in der vollen Freiheit mit dem Falschen Nachhause gegangen bin.

Nachdem ich während der Arbeit synkopiert bin, habe ich meine Anstellung von einer Vollzeit-Stelle auf eine Teilzeit-Stelle reduziert. Egal ob mit oder ohne Long-QT-Syndrom, es war die beste Entscheidung überhaupt. Wenn ich selbst nicht krank wäre, hätte ich vielleicht niemals den Wunsch gehabt, anderen Menschen zu helfen und wäre jetzt in einer ganz anderen Branche tätig. Vielleicht würde ich gerade einen Cocktail auf Bali schlürfen, weil ich mit meinem Start-up so reich geworden bin, dass ich mein derzeitiges Gehalt an Tageszinsen einnehme. Vor lauter Feierlaune hätte ich mich mit einer überteuerten Dosis Kokain dahingerafft.

Vielleicht hätte ich mich auch so lange nicht entschieden, was ich beruflich machen möchte, dass ich noch immer in der Eisdiele arbeiten müsste, in der ich mit 16 neben der Schule gejobbt habe. Um diesen be**** Job zu ertragen, hätte ich bereits eine Alkoholerkrankung und würde mein mieses Trinkgeld (fürs Kellnern bin ich nicht geschaffen) in billig Bier und Schnaps investieren (Den Gin, den ich ohne Erkrankung dann endlich Liter weise trinken dürfte, könnte ich mir nicht leisten). Eines Nachts hätte ich den selbstgebrannten Schnaps nicht wie gewohnt auf meine hässliche Arbeitsschürze gewürgt, sondern wäre an meinem Erbrochenem erstickt.

Nachdem mich mein Körper nicht auf die mir bekannte Art darauf hinweisen würde, dass ich mich übernommen habe, würde ich meine Grenzen vermutlich viel zu oft überschreiten. Schon mit der Erkrankung war es ein langer Prozess zu verstehen, dass sie nicht alle gemacht wurden, um auf ihnen zu balancieren. Vielleicht würde ich inzwischen Blut spucken, weil ich ein Magengeschwür bekommen habe, oder meinen Suizid planen.

Wer weiß, ob ich denselben Freundeskreis gefunden hätte, wenn ich nicht krank wäre. Anstatt mit schrägen Vögeln in versifften Kneipen über den Sinn des Lebens zu philosophieren, hätte ich mit meinen BFFs Ashley A. und Ashley E. in Großraumdiscos zu „Schranz Musik“ über Wimpernverlängerungen gesprochen. Mein erster Freund hätte bestimmt einen Namen wie „Spyke“ getragen und mich mit seinem Golf GTI samt Playboy Aufkleber zu Hause abgeholt. Alleine bei der Vorstellung bekomme ich einen Herzinfarkt.

Vielleicht hätte ich statt den Ashleys meine Zeit auch gleich mit Christiane F., Sick Boy, Harry Goldfarb und Kurt Cobain verbracht. Für eine offizielle Karriere würden meine wachen Momente wohl nicht ausreichen. Ich hätte mich als Hobbyköchin in der Küche eines „guten Bekannten“ versucht. Für einen netten Nebenverdienst würde das selbstgekochte Zeug ausreichen und meine Chemie Kenntnisse könnten durchaus besser sein, als sie es heute sind. Nachdem ich mich im Drogenrausch einmal verrechnet habe, wären wir allerdings alle bei einer unerwarteten Explosion draufgegangen. So würde ich es zumindest einmal in die Zeitung schaffen…

Ohne meinen ICD hätte ich nicht mit dem Poledance aufhören müssen. Ohne mein damaliges Umfeld hätte ich wohl auch nicht damit angefangen. Eventuell würde ich in meiner Freizeit gerne Skifahren und Klettern gehen. Bestimmt wäre ich auch bereits von einem Berg gefallen und tot.  

Ich liebe das Gefühl von Sicherheit, dass mir meine Wohnung gibt. „Zu Hause ist es doch am schönsten“ ist mein Lebensmotto. Was wäre aber, wenn ich total abenteuerlustig wäre? Ich wurde von einer Spinne in Australien gebissen, – tot. Beim Erforschen einer unbekannten Höhle habe ich die Pforten zur Unterwelt entdeckt, – tot. Ein Stamm von Kannibalen erklärte mich zu seiner Königin, von dem ganzen knusprigen Menschenfleisch bekam ich eine unbehandelbare Magen-Darm-Erkrankung, – tot.

Als gesunder Mensch hätte ich so schnell wohl keine Panikattacken bekommen. Somit hätte mein Leidensdruck nicht ausgereicht, um eine Therapeutin aufzusuchen. Ein Leben ohne die plötzliche Angst, mitten in einem Gespräch umzufallen und zu sterben, hört sich soweit fabelhaft an. Allerdings bearbeite ich mit ihr ja nicht nur das Thema „ich habe eine Herzkrankheit“, sondern auch meine restlichen Besonderheiten. Menschen in meinem nahen Umfeld freuen sich bestimmt sehr darüber, dass das so ist. Vielleicht würde statt dem Long-QT-Syndrom ein anderer Knacks unbehandelt in mir schlummern. Ein aufregendes Spiel wie Monopoly könnte der Trigger für meine verrückte Seele sein, um auszubrechen. „Junge Frau ermordete Gleichaltrige mit Spielbrett“ (Ich weiß zwar nicht, wie genau ich das anstellen sollte, aber bitte euch inständig, zwingt mich nicht Monopoly zu spielen!!!).

Um den Spinnereien ein Ende zu machen, wir wissen nicht, was wäre, wenn… Somit wissen wir aber auch nicht, ob es besser wäre, wenn wir gesund wären. Vielleicht ist die großartige Version mit kleinem Defekt, die wir bekommen haben, ja die beste Ausgabe und danach würde es nur noch bergab gehen. Kopf hoch, es hat und zu genau dem gemacht, was wir sind und darauf sollten wir verdammt stolz sein!

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