Wie man Panikattacken bekommt

Ok, ok, ihr wisst inzwischen alle, dass es mich hin und wieder aus den Latschen kippt. Ein paar Mal habe ich wohl auch schon erwähnt, dass es mich eines schönen Tages auf der Arbeit erwischt hat. Für wen es in den letzten Texten schon genug „herumgefalle“ war, der sollte eventuell hier aufhören zu lesen, denn genau diesen fabelhaften Arbeitstag möchte ich hier mit euch Revue passieren lassen.

Als Erstes möchte ich euch einladen, mit in mein Büro zu kommen. Natürlich nicht wörtlich, wir befinden uns mitten in einer Pandemie!

Ihr öffnet eine schwere Türe und steht an einem länglichen Gang. Die Wandfarbe versucht Trost zu spenden, der Boden ist das ganze Jahr über kalt und wie ich feststellen durfte, verdammt hart. Es hängen ein paar Bilder mit motivierenden Sprüchen an der Wand und es gibt einen Ständer mit Flyern. Ihr wisst, wie ein Gang aussieht! An beiden Seiten befinden sich Türen, die zu Büroräumen führen. Zu meinen Kolleginnen und mir kommen Menschen, um Dinge zu besprechen und zu bearbeiten. Nachdem auch mal mehrere Menschen zu gleich Dinge tun wollen (oder müssen), gibt es am Gang auch Sitzmöglichkeiten, um im Idealfall zu warten, bis die Person davor ihre Dinge fertig erledigt hat. So viel dazu. Ich sollte einen Podcast für alle, die Traumreisen ins Büro machen wollen, starten (Stell dir den kalten Kaffee auf deiner Zunge vor …).

Es ist ein ganz gewöhnlicher Dienstagvormittag. Meine Kollegin und ich sind im jeweiligen Büro und erledigen Dinge mit Menschen. Bei mir sitzt eine Dame, mit der ich ein Thema bespreche (Hach, ich würde gerne wissen, was ihr euch so vorstellt…). Das besagte Thema ist etwas ansträngend und ich merke, wie der Stress in mir hochsteigt wie Neil Amstrong. Zusätzlich knurrt mein Magen, ein halbes Joghurt zum Frühstück war nicht ausreichend. Wir diskutieren über ihre Vorstellungen und den Möglichkeiten, die in der Realität bestehen. Zwischen den beiden befindet sich allerdings eine kleine Schlucht (ihr kennt doch den „Grand Canyon“?).

Endlich einigen wir uns auf eine Lösung und ich muss ein Paar Unterlagen kopieren. Unser Kopiergerät befindet sich (zu ihrem Leidwesen) im Büro meiner Kollegin. Ich will über den Gang zum Drucker gelangen, da sehe ich schon, wie die nächsten Menschen auf mich warten, um über Dinge zu sprechen. Ich öffne die Türe und sehe, dass auch in diesem Büro gerade Dinge erledigt werden, weshalb ich die Türe wieder zuziehe. In dem Moment merke ich allerdings, dass der kalte Steinboden beginnt, sich zu drehen, die Menschen am Gang verschwimmen und das übliche Bürogeräusch weicht einer Hundepfeife in meinen Ohren. Ich versuche mich an der Wand festzuhalten, was, oh Wunder, nicht funktioniert. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch lange rote Fingernägel, die für neue Farbakzente an unserer Wand sorgen.

Es macht wohl einen wunderbaren Knall bei meinem Treffen mit dem Steinboden, durch den meine Kollegin auf das Spektakel aufmerksam wird. Für mich setzt hier die Wahrnehmung aus. Dafür bin ich auch recht dankbar, meine Kollegin wird also ohne mein bewusstes Beisein von meiner der einzigartigen Performance einer Dämonenaustreibung bespielt. „Welch ein ausgezeichneter Tag für einen Exorzismus.“ Währenddessen bekomme ich einen Stromschlag ins Herz verpasst.

Als ich kurz darauf wieder zu mir komme, bin ich der Meinung, gerade in meinem Bett aufgewacht zu sein. Dass der junge Mann, der neben mir sitzt, eindeutig nicht mein Freund ist, scheint mich in dem Moment mehr zu stören als das Blut, das mir über die Wange läuft oder meine besorgte Kollegin.

Als ich verstehe, dass ich nicht in meinem gemütlichen Bett, sondern auf einem viel zu kalten und hartem Steinboden liege, wird mir klar, was passiert ist. Mein erstes Mal außerhalb des Bettes. Wie versaut! Zuvor bin ich ausnahmslos in meinem Bett synkopiert, kurz nachdem oder während ich am Aufwachen war. Für dieses erste Abenteuer abseits der Kuschelromantik hat sich mein Herz dann gleich eine richtig unpassende Umgebung ausgesucht und mich in der Arbeit flachgelegt.

Das meine Kollegin bereits mit der Rettung telefoniert, bekomme ich auch erst mit, als geklärt ist, was der Typ da in meinem Bett macht. Da ich nach einem Schlag recht schnell wieder zu mir komme, teile ich den netten Herrn in der Notrufzentrale dann noch mit, dass ich das Long-QT-Syndrom habe und wohl gerade von meinem ICD geschockt wurde. Die Platzwunde an der Braue habe ich noch immer nicht registriert, eher tun mir die Finger weh, weil ich mich wohl sehr motiviert in die Wand gekrallt habe.

Meine Kollegin kümmert sich darum, den Menschen, die gekommen sind, um mit mir Dinge zu erledigen, zu vermitteln, das an einem anderen Tag zu tun. Nur die Person, die sich in ihrem Büro befindet, kann nicht erkennen, weshalb ich blutend am Boden liegend jetzt den Vorrang gegenüber seinen Thematiken habe. Er setzt sich einfach auf die Warteplätze am Gang und verweilt dort.

Ich gehe in mein Büro, setze mich hin und bin weiß wie eine Wand. Von meinem Zustand schieße ich ein Selfie (scheiß Handy Generation) und schicke es meinem damaligen Freund zu, der glaubt, ich verarsche ihn und probe für mein nächstes Halloween Kostüm. Überlegt euch selbst, ob ich so schlecht ausgesehen habe oder meine Make-up-Künste bühnenreif sind.

Die Rettung kommt und findet den Weg nicht zu unseren Büros. Die Person, die nach wie vor am Gang sitzt und auf ein Gespräch wartet, fühlt sich nicht dazu berufen, den Rettungsfahrern mitzuteilen, in welchem Raum wir verschwunden sind. Scheinbar ist sie noch immer wütend über die aktuelle Prioritätenverschiebung. Meine Kollegin kümmert sich darum, dass sie doch noch den Weg zu mir finden, und wir machen uns auf in die Klinik. Nachdem sich die beiden ob meiner Diagnose nicht ganz sicher sind, ob ich im nächstgelegenen Krankenhaus gut aufgehoben bin, bringen sie mich gleich in das, in dem mein zuständiger Kardiologe arbeitet. Am Weg dorthin rufe ich meine Mama an, die ist natürlich auch total entzückt von der tollen Nachricht und will zu mir kommen, sobald sie kann.

Im Krankenhaus angekommen wird mein Blut auf Mangelerscheinungen und ich auf eine Gehirnerschütterung untersucht. Ich werde von zwei verschiedenen Ärzten gefragt, warum ich denn hier sei, bei meiner Diagnose ist es ja wohl ganz normal umzukippen. Wie schon oft erwähnt bin ich eine ziemliche Heulsuse, sobald es mir körperlich nicht gut geht, also kullern mir auch hier ein paar Krokodilstränen über die blutverschmierte Wange. Mein behandelnder Kardiologe befindet sich gerade im Urlaub, was die Sache für mich nicht besser macht.

Es hat sich schnell herausgestellt, dass der Kaliumspiegel, der vor zwei Wochen beim Hausarzt gemessen wurde, sich verfälscht hat und im unteren Grenzbereich liegt. Ich wurde also an den Tropf gehängt und weitergeschickt, um meine Wunde zu kleben. Ich war noch nie so froh über Klebstoff (Ja, ich habe Piercings und ja, die Idee eine Wunde in meinem Gesicht zu nähen, versetzt mich in Panik).

Es kommt eine sehr nette Ärztin, um mit mir den Sachverhalt zu besprechen. Hier sollte ich erwähnen, dass ich nach Absprache mit meinem Kardiologen die Betablocker vor ca. einem Jahr abgesetzt habe, um zu versuchen, ob es nicht auch ohne geht (Nein! Und die dümmste Idee meines Lebens). Die nette Dame, mit der ich jetzt spreche, hat ihr Fachgebiet allerdings nicht in der Rhythmologie. Sie telefoniert mit einem Kollegen, der mir ausrichten lässt, dass ich wieder mit den Betablockern beginnen soll. Auf die Frage, ob es wieder die alt Bewährten werden sollen und wenn ja, wie viele davon, bekomme ich die Antworten: „So, wie sie sich damit wohl fühlen“ und „welche würden Sie denn gerne nehmen?“. Ich beschließe also vorerst wieder Inderal einzunehmen und die Dosierung so schnell es geht mit meinem Arzt zu besprechen.

Als ich aus dem Untersuchungszimmer komme, ist meine Mutter auch schon da und wir verbringen gemeinsam „quality time“ im Wartezimmer. So unendlich viel „quality time“. Die Flüssigkeit in meinem Tropf bewegt sich nämlich nur sehr, sehr, sehr langsam in meine Vene.

Um dem perfekten Tag noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen, gesellt sich im Wartezimmer eine Dame zu uns, um über Dinge zu sprechen. Sie erzählt mir ihre Lebensgeschichte. Von ihren Eltern wurde sie nur misshandelt und nie geliebt, sie hatte nie eine Chance, etwas aus sich zu machen, und dann ist sie auch noch an einen Mann geraten, der sie schlecht behandelt. Ihre Arme sind einbandagiert, da er sie wohl in einen Spiegel (oder durch eine Glastüre) geworfen hat. Sie erzählt von ihrer Drogensucht und davon, dass sie nicht Mal eine Jacke bei sich hat. Eine wirklich bewegende und tragische Geschichte, mich interessiert nach diesem Tag allerdings nur, dass sich das Kalium endlich in meine Blutbahn bewegt.

Mir ist kalt, ich bin immer noch hungrig (wer, konnte das nur erahnen) und die Stühle im Wartezimmer sind nicht sehr bequem. Die Dame neben uns erzählt immer noch herzergreifende Geschichten und freut sich wie verrückt über die Cola, die ihr meine Mutter spendiert. Irgendwann fällt ihr auf, dass ich und nicht sie an diesem Tropf hänge. Sie weint, weil sie sich so freut, dass ich eine liebevolle Mutter habe und macht sich auf den Weg zurück zu ihrem Freund (Ich hoffe, dass sie es schafft, sich von ihm zu trennen, bevor sie durch ein Fenster geworfen wird). Meine liebevolle Mama und sich sitzen weiter herum und beobachten Menschen beim Kommen und Gehen. Der Tag neigt sich dem Ende zu, nur der Tropf scheint noch eine lange Nacht zu planen. Verbotenerweise drehen wir die Geschwindigkeit etwas höher, um nicht im Wartezimmer zu übernachten.

Mein Papa holt uns ab, als ich endlich voller Kaliumpower bin. Wir bestellen eine Riesenmenge an Fast Food (ein großes Danke an die Swing Kitchen (unbezahlte Werbung, weil köstlich), für ihre Existenz) und der beschissene Tag geht endlich vorbei. Was ich jetzt noch nicht weiß, ist, dass ich außer der kleinen Narbe und meiner erneuten Dauermedikation noch etwas anderes bekommen habe. Die „savespace“ Blase ist geplatzt. Natürlich ist es nicht angenehm, einen Stromschlag im Bett zu bekommen. Aber in meinem Bett fühle ich mich wohl, solange ich den Fuß unter der Decke behalte, können mich keine Monster erwischen.

Jetzt ist es aber passiert, dass ich diese Erfahrung außerhalb meines Bettes gemacht habe. Somit könnte es also immer und überall passieren, dass ich synkopiere. Da hat sich eine kleine Angst in mein Unterbewusstsein gehämmert, die mit der Zeit zu einem ziemlichen Problem wird und mich schließlich dazu motiviert mich in Therapie zu begeben. Falls jemand von euch schon immer Lust auf plötzlich auftretende Angst im Deckmantel eines Herzproblems hat -> that’s how u get it!

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